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Frau im Mond und andere Liebhaber

Ensemble 9. November

»Frau im Mond und andere Liebhaber«

Ein Musiktheater nach 4 Erzählungen von Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Karen Duve und Christa Reinig

Donnerstag, 7.5.09 - 20:00 Eur 15/11
Freitag,    8.5.09 - 20:00 Eur 15/11
Samstag,    9.5.09 - 20:00 Eur 15/11

Die Inszenierung unter dem Titel »Die Frau im Mond und andere Liebhaber« von Helen Körte entwirft eine Interpretation von vier Erzählungen vier deutschsprachiger Autorinnen, wobei jede Erzählung ihren eigenen Auftritt erhält. Sie entfaltet, befreit von allem »Entweder-Oder«, vielfarbig das Verhältnis von Frau und Mann, bisweilen auch im Spiegel der Tiere, chaplinesk-komisch und mond-ernst. Die Dramatisierung von Gegenwartsliteratur bedeutet gerade für das E9N mit seiner gesamtkünstlerischen, alle Künste verbindenden Theaterkonzeption, eine besondere Herausforderung. Die Inszenierungen aller vier Erzählungen verknüpfen zum reicheren Verständnis der Dramaturgie deren choreographiertes Spiel mit eigens hierfür komponierter und live vorgetragener Musik, instrumental und Gesang, einer schillernden dynamischen Bühne, prächtigen Kostümen, Projektionen Neuer Medien und einem fein ausgetüftelten Lichtdesign. Durch diese multiästhetische Inszenierungsweise eröffnet sich dem Publikum generationsübergreifend, theatralisch ein sinnlich direkter Zugang zum literarischen Text.

Unter jazzigen Klängen im Rahmen eines Schönheitswettbewerbs, beginnt die erste Erzählung »Mondgeschichte« von Ilse Aichinger. In ihrem Verlauf entschließt sich die hierzu versammelte illustre Gesellschaft zu einer Reise zum Mond, will man doch dem Anspruch, eine »Miß Universum« zu küren, gerecht werden. Dort angelangt, begegnen sie im Nebel umhüllten Mondgestein Shakespeares unvergleichlich schöner Orphelia. Erfüllt von der Einsicht, dass keine ihr gleiche, trennen sich die Preisrichter und »Miss Erde« von der auf dem Mond zurückbleibenden Orphelia. Letztes Bild: Eine aus dem Koma erwachte Miss Erde blickt auf den vorbeiziehenden Mond.

Ingeborg Bachmanns »Undine geht« ist ein tänzerischer Monolog für drei Frauen, drei Stühle und ein »Hänschen klein«, ein »Hans für alle Fälle« oder auch »Hans, der Eine«. Das Stampfen einer wilden Herde von Pferden geht über in das den Monolog wiederholt begleitende Stampfen der Frauen. »Im Spiegel des Hans« erleidet Undine leidenschaftliche Ausbrüche ihrer Gefühle: Zärtlichkeit, Todessehnsucht, Rache , Bewunderung, Verachtung in Form einer Schmährede im »Schmerzton«. Ihr Männer, die ihr eure Geliebten und Frauen zu Eintagsfrauen, Wochenendfrauen, Lebenslangfrauen macht. »Der Eine« fährt mit ihr Riesenrad, der Andere teilt Wirtschaftsgeld ein.

Karen Duves »Besuch vom Hund« ist eine Ode an das Tiersein im Menschen, an den Wolf im Hund. Mit seinem unerwarteten Besuch bei der Dichterin bricht der Hund in den wohlgeordneten Kreis einer kleinen Partygesellschaft ein, fordert mit unerwarteten Kommentaren heraus, entlarvt und bestimmt zunehmend den Verlauf der Dinge. Dabei treffen aufeinander: Ein »Blues Brother-Pärchen mit weiblichem Anhang«, eine Dichterin , ein Hund, der »Biss zeigt« und über das Hundsein philosophiert; und da ist dann immer noch »Billy the Kid ...«. Karen Duve zelebriert hier englisches Understatement, »Anglo-Saxon-Humor«, irgendwo zwischen Chaplin und Woody Allen.

Die Erzählung »Kluge Else, Katherlieschen und Gänsemagd als Bremer Stadtmusikanten« von Christa Reinig vereint Frauenfiguren aus einigen Märchen der Gebrüder Grimm zu einem gemeinsamen Vorhaben, der Gründung einer Beatband, der »Bremer Stadtmusikanten«. Hierzu verlassen sie das häusliche Allerlei und ihnen zugedachte Frauenrollen und begeben sich zielstrebig nach Bremen, dem Bestimmungsort ihrer Autonomie. Doch so einfach geht das nicht. Im mondbeleuchteten Wald stoßen sie auf eine Trainingseinheit der Armee; Drill, Kampfschreie und immer wieder Liegestützen, Liegestützen, Liegestützen ...

»Daraus ist kein hochgestochenes Literaturtheater geworden, vielmehr ein freches Gesamtkunstwerk aus Schauspielerei, Tanz, Musik, Film und Objekten der bildenden Kunst. ... Wer kann schon von sich behaupten, einen eigenen Theaterstil entwickelt zu haben? Körte darf es, das Kunststück ist ihr im Laufe der Jahre gut gelungen. ... Dieses Mal sogar besonders gut. »Frau im Mond« ist Farce, skurrile Komödie, schwarzes Theater, Comedy, Slapstick - aber nie Klamotte. Die rechte Mischung gegen den Trübsinn in diesen Zeiten« FAZ

»Doch egal, welche im Kern noch so »harten« Themen sich Helen Körte anverwandelt, am Ende steht immer ein Theatermärchen von schierer Freundlichkeit. Das Theater, ein Fest. Ein revuehaftes Spektakel. ... Eine Welt der schönen, sich selbst genügenden Bilder.« FR

»Als Feministin fiel Helen Körte bislang nicht auf. Diesmal taucht sie gezielt ins Erzählen von Vorzeige-Autorinnen ein, konzentriert sich auf weibliche Figuren und ihre weiblichen Welt-Geschichten. ...stellt sie ihre Frauen auf den Catwalk, fällt freilich auf, dass das Feministische unagressiv bleibt. ... Männer werden von außen gesehen, doch schwingt in Körtes Blick ... ein ironisch-sympathischer Grundton mit. Ein hübsches Spiel, das gerade auch musikalisch gefällt.« FNP

Konzeption, Dramaturgie, Regie: Helen Körte
Darsteller: Katrin Schyns, Margie King, Verena Ronique-Specht, Willi Forwick, Claudio Vilardo, Fernando Fernandez, Thomas Ulrich
Musiker: Martin Lejeune, Jens Hunstein, Peter Kölsch
Bühne, Objekte: Wilfried Fiebig
Kostüme: Margarete Berghoff
Filme: Sebastian Schnabel, Tanja Herzen
Projektion: Jörg Langhorst, Wilfried Fiebig
Lichtdesign: Sebastian Schackert
Fotographie: Sabine Lippert